acta expressiones
männlein oder weiblein?
katja seefeldt 03.04.2004

was wir sehen, ist relativ

menschliche gesichter senden erstaunlich viele signale aus, die von anderen interpretiert werden können
ein gesicht sagt uns, ob ein mensch jung oder alt, männlich oder weiblich, glücklich oder traurig ist
ein amerikanisches psychologenteam hat nun die frage gestellt, ob und wie unsere wahrnehmungsfähigkeit von den gesichtern geprägt ist, die uns in unserem sozialen umfeld umgeben



in früheren forschungen wurde nämlich bereits festgestellt, dass sich die art und weise, wie ein gesicht erkannt wird, stark beeinflussen lässt, wenn man der betreffenden person vorher ein verändertes bild eben dieses gesichtes zeigt
wissenschaftler der abteilung für psychologie der universität von nevada unter der leitung von MICHAEL A. WEBSTER konnten jetzt zeigen, dass sich die beurteilung fremder gesichter schnell verändern kann und auch davon abhängt, welche gesichter kurz zuvor gesehen wurden
in der aktuellen ausgabe von NATURE berichten die amerikanischen psychologen von ihren ergebnissen

bei ihren versuchen haben WEBSTER und seine kollegen mehrere gruppen von testpersonen mit so genannten gemorphten bildern konfrontiert
unter morphing versteht man die nahezu unmerkliche verwandlung eines gegenstandes (objektes, gesichtes, körpers etc.) in einen anderen
dies erledigt der computer durch berechnungen
drei verschiedene gesichterpaare haben die wissenschaftler gemorpht: es handelte sich jeweils um ein bildkontinuum zwischen den extremen mann und frau, europäisches und japanisches gesicht und auf einer skala von abscheu bis überraschung
damit wollten sie feststellen, wie die probanden die zwischenstadien einschätzen
gibt es z. b. einen gewaltigen sprung zwischen männlein und weiblein, so wie wir etwa bei farben an einer ganz bestimmten stellen entscheiden, das ist rot und das ist grün, auch wenn die unterschiede nur gering sind?

zunächst sollten die probanden herausfinden, welches gesicht in der mitte des mann-frau-kontinuums lag, also eigentlich androgyn war
das fanden diese ziemlich treffsicher heraus
wurde ihnen jedoch vorher ein männliches gesicht gezeigt, verschob sich die "neutrale" mitte und sie stuften bereits das androgyne bild als weiblich ein
wurde zuerst ein frauengesicht präsentiert, war es genau umgekehrt
bei den gesichtern auf der skala europäisches bzw. japanisches gesicht war dieser effekt ebenfalls zu beobachten, ebenso bei der skala abscheu-überraschung


darüber hinaus interessierten sich die forscher auch dafür, ob bei der interpretation eines gesichts kategorien eine rolle spielen, die auf den wahrnehmenden selbst zutreffen
hier zeigte sich bei der zuordnung von bildern nach geschlecht, dass die versuchspersonen eher ihrem eigenen geschlecht zuneigten
auch bei der ethnischen zugehörigkeit konnte eine solche tendenz bestätigt werden
hier wurden zunächst eine europäische und eine japanische versuchsgruppe einem test unterworfen
anschließend wurde derselbe test an zwei unterschiedlichen japanischen probandengruppen durchgeführt
einmal war dies ein grüppchen von studenten, die schon länger in den usa weilten, die andere gruppe hielt sich dort erst zwei wochen auf
es stellte sich auch hier heraus, dass sich die wahrnehmungsgrenze der japanischen studenten, die bereits einen längeren usa-aufenthalt hinter sich hatten, an die ihrer europäischen kollegen angenähert hatte

die psychologen vermuten, dass sich das gehirn an jene gesichter anpasst, die regelmäßig immer wieder auftauchen
deren merkmale führen nicht zu einer erhöhten nerventätigkeit
nur wenn wesentliche abweichungen vom durchschnitt registriert werden, finden diese erhöhte aufmerksamkeit

Telepolis Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/17/17111/1.html
Copyright © Heise Zeitschriften Verlag
http://blog.wired.com/wiredscience/2009/02/falsememory.html

Du glaubst, Du könntest Dich an das Gesicht Deines Folterer erinnern? Denk noch mal drüber nach!



 

CHICAGO — Stell Dir vor, Du hättest gerade ein Guantanamo-Verhör durch einen Untersucher in einem Kriegsgefangenenlager hinter Dir
Du sitzt in der Isolationszelle, ein anderer Deiner Wärter stürzt hinein, hält Dir ein Foto unter die Nase und fragt: „Hat dieser Untersucher Ihnen was zu essen gegeben?“
Der Mann geht, später, wenn Deine Qual vorbei sein wird, wirst Du gebeten, Deinen Untersucher aus neun Fotos herauszupicken
Aber sicher doch wird Dein Untersuchungsführer ein Dein Gedächtnis eingebrannt sein, richtig?
Falsch
Die neuesten Ergebnisse eines simulierten Kriegsgefangenen-Trainings des 
Survival, Evasion, Resistance and Escape-Programms des US-Militärs zeigen, dass 85% der Soldaten den Mann auf dem Foto angeben — der nichts mit den Verhören zu tun hatte — anstelle der Personen, der sie im Militärjargon einer „anstrengenden Befragung“ unter Anwendung „physisch fordernder Aufgaben und gewisser Gewalt“ unterzog
Mit anderen Worten, Soldaten in einem simulierten Verhör können mit einem simplen psychologischen Technik dazu gebracht werden, ihren Untersuchungsführer falsch zu identifizieren
Zusammen mit anderen Untersuchungen nähern sich ELIZABETH LOFTUS und andere Psychologen der University of California den Techniken, Fehlerinnerungen unter den verschiedensten Bedingungen zu erzeugen
„Man kann sagen, dass wir kurz davor stehen, ein Rezept zur Erzeugung von Fehlerinnerungen zu entwickeln“, sagte LOFTUS vor dem gefüllten Hörsaal des Jahrestreffens der Amerikanischen Gesellschaft der Wissenschaften
Analysen von Fehlinformationen und Fehlerinnerungen haben konsistent gezeigt, dass Menschen überaus suggestibel sind
Viele Arbeiten waren mit der Veränderungen von alten Erinnerungen befasst
LOFTUS brachte eine Reihe humorvoller Beispiele von Erinnerungen, welche sie und ihr Team den Versuchspersonen ihrer Studien implantieren konnte, so wie z.B. die Überzeugung, man sei von Erdbeereis krank geworden oder Pluto haben einem in Disneyland „eifrig und unangenehm die Ohren geleckt“, als man als Kind dort war
Das Ziel war zu ermitteln, wir verlässlich das menschliche Gedächtnis sei, insbesondere unter dem Druck von Fehlinformationen oder gezielten Befragungen
Was die Verhör-Experimente durch den Yale-Psychiater C. ANDREW MORGAN, so interessant macht ist, dass die Fehlerinnerungen an den Untersuchungsführer innerhalb weniger Stunden später erzeugt werden konnten
Sogar mit sehr frischen Erlebnissen im Kopf waren die Soldaten empfänglich für Fehlinformationen
Die LOFTUS-Gruppe testete das Einpflanzen recht simpler Fehlinformationen sowie auch eher komplexer Erinnerungen, um die Sicherheit von Augenzeugenaussagen zu untersuchen
DNS-Ergebnisse und andere Hochtechnologiemethoden haben schon erkennbare Zweifel daran aufkommen lassen, wie wasserdicht denn die Information sei, die durch Augenschein erworben wurde
Die Untersuchung lässt erhebliche Zweifel am Gesamtsystem einer Rechtsprechung anhand von Augenzeugenberichten aufkommen
Eingepflanzte Fehlerinnerungen erscheinen genauso sicher, wie reale Erinnerungen
Auch neuroradiologische Techniken oder menschliche Untersucher können sie nicht voneinander unterscheiden
So versuchen LOFTUS und ihr Team, wenigstens zu ermitteln, wer denn am empfänglichsten für Gedächtnisalterationen durch Fehlinformationen sei
„Ich glaube, wir sind alle mehr oder weniger empfänglich für Fehlerinnerungen und lassen Andere mit unserer Autobiografie spielen“, sagte LOFTUS — aber ein gutes Gehirn kann eine Hilfe sein
„Je klüger sie sind, desto resistenter sind sie gegenüber Fehlinformationen“

Image: Screenshot from Dr. Charles Andrew Morgan's presentation of the earliest findings to Yale's Psychiatry Department in late 2007.
Wired.com front page image: flickr/wiggytoo




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